© IOC/Greg Martin

Neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry: «Die Olympische Bewegung kann Gräben überwinden»

Am 20. März wurde Kirsty Coventry zur neuen Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt. Wer ist die 41-jährige Frau aus Simbabwe, die einst ihre Identität im Schwimmbecken fand und die erfolgreichste Olympionikin in der Geschichte Afrikas ist? Ein Porträt.

«Dies ist ein aussergewöhnlicher Moment», sagte Kirsty Coventry, nachdem das Ergebnis vom abtretenden IOC-Präsidenten Thomas Bach am 20. März schon nach dem ersten Wahlgang der IOC-Präsidiumswahl bekannt gegeben worden war.

“Als neunjähriges Mädchen hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages hier oben stehen würde, um dieser unglaublichen Bewegung etwas zurückzugeben.”
- Kirsty Coventry

Neun Jahre alt war sie, als die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona stattfanden. Zu Hause in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, verfolgte sie die Spiele am Fernsehen und wurde von einer Faszination erfasst, die ihr Leben verändern und ihr einen Platz in der Geschichte sichern sollte. «Ich sagte damals zu meinen Eltern: Ich möchte es eines Tages an die Olympischen Spielen schaffen und für Simbabwe eine Goldmedaille gewinnen. Diese lächelten nur und sagten: OK, das wird viel harte Arbeit und Opfer erfordern», erzählt Coventry.

Am Ende nahm sie an fünf Olympischen Spielen teil und gewann sieben Medaillen, darunter zwei Goldmedaillen, was sie zur erfolgreichsten Olympionikin Afrikas macht.

Der grosse Durchbruch in Athen

Es war ein weiter Weg zum internationalen Erfolg. Coventry wurde 1983 in Harare geboren und lernte im Alter von zwei Jahren Schwimmen. Mit sechs Jahren trat sie ihrem ersten Schwimmverein bei. «Schwimmen war mein sicherer Hafen», sagt sie. «In der Schule war ich gut, aber ich war nie eine Einser-Schülerin. Im Schwimmbecken konnte ich herausfinden, wer ich war.» Als 16 Jahre alte Gymnasiastin qualifizierte sie sich für die Olympischen Spiele Sydney 2000 und schaffte es dort ins Halbfinale.

Coventrys grosser Durchbruch kam vier Jahre später in Athen, wo sie drei Medaillen gewann, darunter Simbabwes erstes olympisches Einzelgold über 200 Meter Rücken. Als sie nach Simbabwe zurückkehrte, wurde sie wie eine Heldin gefeiert – ein starkes Symbol in einer Zeit, in der das Land von inneren Unruhen zerrissen war.

“Die Simbabwer kamen heraus, um mir zu danken und sagten: Wir sind so stolz. Das hat mir gezeigt, wie mächtig der Sport sein kann, um Barrieren abzubauen und Menschen zusammenzubringen.”
- Kirsty Coventry

Es war eine Erinnerung, die Coventrys Präsidentschaftskampagne für das IOC prägte, eine Botschaft, die sie in ihre Präsentation vor den IOC-Mitgliedern im Januar einbezog. «Die transformative Kraft des Sports – das ist nicht nur etwas, was ich gesagt habe, sondern ich habe es tatsächlich erlebt und gesehen. Und ich glaube daran», sagt sie. «In einer Zeit, in der unsere Welt so gespalten ist, kann die Olympische Bewegung dazu beitragen, Gräben zu überwinden, Vertrauen wiederherzustellen und das Beste zu zeigen, was die Menschheit zu bieten hat.»

Coventry holte in Peking 2008 vier weitere Medaillen, darunter eine weitere Goldmedaille über 200 Meter Rücken sowie drei Silbermedaillen. Sie nahm an den Olympischen Spielen London 2012 und Rio 2016 teil, bevor sie mit sieben olympischen Medaillen ihre Karriere als Athletin beendete – die meisten, die eine afrikanische Athletin oder ein afrikanischer Athlet je gewonnen hat.

Coventry kam 2013 als Athletin ins IOC. Sie war Vorsitzende der IOC-Athletenkommission und in dieser Funktion von 2018 bis 2021 Mitglied der IOC-Exekutive. Anschliessend wurde sie als individuelles Mitglied ins IOC gewählt, 2023 dann erneut in die Exekutive.

Eine eigene Akademie in der Heimat

In der Zwischenzeit widmete sie sich der Unterstützung ihrer Gemeinschaft in Simbabwe. Sie gründete die Kirsty-Coventry-Akademie, um Kindern das Schwimmen beizubringen, und rief zusammen mit ihrem Ehemann Tyrone Seward das HEROES-Programm ins Leben, um Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren ein sicheres Umfeld im Sport zu bieten. Im Jahr 2018 wurde Coventry in Simbabwe zur Ministerin für Jugend, Sport, Kunst und Freizeit ernannt, wo sie an Gesetzen zur Bekämpfung von Spielmanipulationen, Missbrauch und sexueller Belästigung im Sport arbeitete.

Sie wandte sich auch dem Familienleben zu. Coventry und Seward bekamen 2019 ihre erste Tochter. Ihre zweite Tochter wurde 2024 während ihrer IOC-Präsidentschaftskampagne geboren. Die Vereinbarkeit von Mutter-Sein und IOC-Präsidentschaft ist eine Herausforderung, die Coventry gerne annimmt.

“Ich möchte, dass meine Töchter mit dem Wissen aufwachsen, dass sie alles werden können, was sie wollen, und alles erreichen können, was sie erreichen möchten.”
- Kirsty Coventry

Genau wie ihre Mutter, die nun als erste Frau und erste Vertreterin des afrikanischen Kontinents ins Präsidium des IOC gewählt wurde. Seit der Gründung im Jahr 1894 wurde das IOC von neun Männern geführt – acht Europäern und einem Amerikaner. Coventry, die erst zweite Frau, die sich für die Präsidentschaft bewarb, setzte sich am 20. März in der ersten Runde mit 49 von 97 Stimmen gegen sechs weitere Kandidaten durch. «Es ist ein wirklich starkes Zeichen dafür, dass wir tatsächlich global sind und uns zu einer Organisation entwickelt haben, die offen für Vielfalt ist», sagte sie.

© IOC/Greg Martin

02.
April
2025